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INVOLVEMENT SHOW

MARCH GALLERY | 95 East 10th Street | New York | April 1961
TAGGED:  SAM GOODMAN STATEMENT + BORIS LURIE STATEMENT
STANLEY FISHER STATEMENT + AUGUSTUS GOERTZ STATEMENT
Involvement poster, 1961

POSTER + EINLADUNG:

Die Ausstellung
ist eine bilderstürmende Abrechnung
mit unserer irren Welt,
eine satirische Unabhängigkeitserklärung
von allem oberflächlich Alltäglichen.

Gezeigt werden Ölbilder,
Collagen, Zeichnungen
und Arbeiten in verschiedenen Techniken.

Teilnehmende Künstler:
Isser Aronovici, Rocco Armento, Al D'Arcangelo,
Herb Brown, Ferró (Erro), John Fisher,
Stanley Fisher,Esther Gilman, Sam Goodman,
Gloria Graves,Dorothy Gillespie, Ted Joans,
Allan Kaprow, Yayoi Kusama, Jean-Jacques Lebel,
Bob Logan, Lora, Suzan Long (Harriet Wood),
Boris Lurie, Mihal Mishorit, Jerome Rothenberg,
Michelle Stuart, Richard Tyler, Ray Wisniewski
und Lee Zack.

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SAM GOODMAN STATEMENT:

Lauft! Versteckt Euch! Schreit! Stöhnt!
Solange Ihr könnt!
Wände bersten,
der Boden zerbröckelt
Die Luft
ist verpestet
Ein Schrei ...
In dieser trostlosen
Wildnis

Und sie geben uns die immer gleichen oberflächlichen Dekorationen: Feuerstellen, um uns an unseren Illusionen aufzuwärmen, nackte Wände, um über unseren passiven Rückzug nachzudenken. Kalte Geometrien bestimmen unser endgültiges Schicksal. Ein radioaktiver Nieselregen der Vernichtung.

Die bildende Kunst ist in unserer Zeit mehr denn je das Medium, die Kraft und die Reaktion für den an der Menschheit interessierten Künstler.

Die March Galerie ist eine Produktionsgemeinschaft, in der die Künstler ihr eigenes, schwer verdientes Geld nicht nur für Farbe und Leinwand ausgeben, sondern auch die Miete, den Strom, die Druckkosten, das Porto und alles andere bezahlen.Wir von der March Galerie haben einiges zu sagen ...

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BORIS LURIE STATEMENT:

Herzlich willkommen zu dieser Ausstellung. Wenn Ihr Augen habt und denken könnt, werdet Ihr hier etwas Neues sehen.

Wenn Ihr Euch die Ausstellung anseht, vergesst alle ästhetischen Maßstäbe. Haltet uns nicht für Realisten, NeoDadaisten, Surrealisten. Diese Maßstäbe sind heutzutage weder wichtig noch bedeutend. Formalistische Unterscheidungen sind hier nicht angebracht. Ästhetik ist normalerweise etwas gesichertes, wir aber sehen sie als Spiegelbild einer sich verändernden Realität an. Lebendiges Engagement ist nicht im Elfenbeinturm möglich. In einer Zeit der Kriege und Vernichtungen sind ästhetische Turnübungen und dekorative Zeichensetzungen unangebracht.

Wir sind nicht die "Abstrakten", "Ungegenständlichen", "Figurativen" allein, nein, wir sind all das zusammen: Wir wollen sämtliche Erfindungen aus der Vergangenheit und Gegenwart ohne Rücksichtnahme auf "Stile" verwenden. Totalität ist die Komposition aller Aspekte: Eingrenzungen, Puritanismen und ähnliche Ansichten lehnen wir ab. Wir sind nicht zu Scherzen aufgelegt! Wir wollen Kunst schaffen, nicht zerstören, und deutlich sagen, was wir meinen.

Aber auf Kosten der "guten" Manieren. Ihr werdet hier keine Geheimsprache finden, noch lautloses, wortloses Schweigen, keine Botschaft für ein ausgewähltes Publikum. Unsere Kunst ist das Werkzeug der Nötigung und Aufforderung zugleich. Wir wollen reden, schreien, damit uns jeder verstehen kann. Die Wahrheit ist unser Lehrmeister.

Neue Grenzen ... alte Grenzen. Kann es wahr sein, dass man nur eines einzigen Menschen bedarf, um die Welt aufzuwecken?

Eichmann lebt ... Eichmann ist tot ... wem macht das was aus? Jetzt erzählt man uns alles über die Konzentrationslager: Bergen-Belsen wurde in einen wunderschönen Park verwandelt. Aber Tausende haben nach der Befreiung weitergehungert!

War es Rechtens, Eichmann zu entführen? Gab es eine internationale Rechtsgrundlage dafür? Wer hat die Entführung gesteuert? Ein Mann?

Schaut auf die Erde! Was seht ihr? Zählt die Toten! Wer zählt die Lebenden? Was hört ihr, wenn ihr danach fragt? Schweigen. Wie sollte man sie zählen?! Die Publizität, die man uns entgegengebracht hat, ist Millionen wert, aber wir haben absolut nichts zu verkaufen. Manchen Leuten wird es ganz schön mulmig in ihren Glashäusern, denn nichts scheint mehr glaubhaft zu sein wie ehedem. Die Gespenster beginnen mit ihren Paraden in New York. Sogar die Toten mussten sich bisher versteckt halten. Man hatte ihnen das Recht der Selbstdarstellung genommen. Jetzt sind sie ruhiger geworden. Die Zeitungen haben sich ihrer erinnert. Doch ein einziger entschlossener Mensch genügte, um das alles zustande zu bringen.

Wach auf du krankes verfaultes, vergrabenes, verschüttetes Gewissen! Der Mensch ist hilflos, aber sein Glaube kann Berge versetzen. Frische Luft weht durch die modrigen Schluchten: Abgedroschene Redewendungen, Trugschlüsse, Betrug, Einbildung, Lügen?!

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STANLEY FISHER STATEMENT:

Involvement haut unter die Gürtellinie, auf alles Private darüber. Involvement ist ein tödlicher Schlag gegen die Friß-und-Stirb-ldeologie. Hier gibt es kein Entrinnen. Selbst eure Deodorants werden euch schwitzen machen. Weder Elfenbeintürme noch Cocktailfarben sind hier zu sehen. Ihr werdet nie mehr dieselben sein und sein wollen, wenn ihr diese Ausstellung gesehen habt. Hier bringt die Kunst neuen Schwung in die bestehende Krise.

Die neue March Galerie ist eine Zitadelle der Idealisten, eine letzte Bastion für die, die der kommerziellen Ausbeutung der Uptown Galerien widerstehen wollen. Wir fürchten weder die Konfrontation mit der Hölle von Hiroshima, noch mit der von Buchenwald, noch mit der ganzen verstörten Welt. Wir sehen der Wahrheit ins Auge und die Wahrheit wirkt verletzend. Wir aber sind die Wahrheit geworden ... Es ist eine aufregende Ausstellung, eine Ausstellung, in der Engagement und Unschuld zu heiligen Symbolen des Überlebens werden.

Anti-Kunst benutzt all die verschrobenen Ideen der Science-Fiction-Welt, die Pin-ups der Magazine, den Glanz der Illustrierten, den Dreck der Tageszeitungen, die Plüschwelt der Comic-Hefte, die Schickeria vom Broadway, die Massen auf der Straße und die von Buchenwald, das Explodieren der H-Bomben, die bunten Kondome der Selbstsicherheit und die ganze hollywoodianische Fernsehscheiße.

Anti-Kunst ist die Kunst, die die Menschen schwermütig macht, in der Ungeheuer reingelegt werden und Bestien als Spitzel aus Penthäusern in rosa Nerz springen. Es ist die Kunst, die erst schön wird, wenn man mit 100000 Meilen Geschwindigkeit auf den Boden knallt und die Räder dafür am Bauchnabel angenäht sind. Anti-Kunst ist so, wie wenn Mickymaus mit dem Heiligen Dulles nach Laos reist und dort von einem Schneeball erschlagen wird, den ein klitzekleiner Mönch von Tibet aus auf sie geschleudert hat, und sie dabei feststellt, dass es in Los Angeles viel lustiger ist, weil da die zerbrochenen Fensterscheiben zu blutigen Flügeln ihrer Opfer werden. Anti-Kunst ist so, wie wenn die Mad Magazin Leute eine Büstenhalterfabrik unterm Preis verschleudern und die Schickeria in New York sich damit die Blusen ausstopft; Alfred E. Neumann, der Mad Magazin Held, wird sie dabei ganz schön kitzeln, bis alle verrückt werden. Anti-Kunst ist wie die Szene in der U-Bahn: Automaten, Waschautomaten, Damentoiletten, Schminkräume und Hawai-Stuben! Anti-Kunst ist auch das, wenn man Marilyn Monroe mit einem Abfalleimer antreffen würde, in dem sie alle meine Hemdenschnipsel gesammelt hätte. Man würde mich wegen des hässlichen Abfalls anklagen und meine Haut über eine Glühbirne in Alcatrez ziehen, so dass beim Lichteinschalten der Staub über Shanghai erglühen würde. Anti-Kunst ist eine dauernde Menstruation wider die die Wissenschaftler so lähmende Schwerkraft. Die March Galerie wird hier grausam misshandelt, denn aus all dem Mist wird Anti-Kunst gemacht.

Niemand kann weder die Kunst noch die Liebe genau erklären, geschweige denn ermessen. Die Tiefe einer menschlichen Vereinigung kann ebenso wenig ausgelotet werden wie die der Kunst. Beide, die Liebe und die Kunst, sind und bleiben unerforscht ich. Und: Liebe und Kunst sind gleichermaßen das Vergänglichste und Zufälligste. Beide gewinnen nur dann an Bedeutung, wenn sie mit Leidenschaft verbunden sind. Und Leidenschaft führt zu dem, was nicht im Jenseits zu bewältigen ist. Der Tod aller Dinge ist die oberflächliche Gleichgültigkeit in unserer Welt. Das Verlangen nach Anteilnahme am eigenen Ich und die Leidenschaft werden zu einem Kampf um Leben oder Tod. Gewalt ist nur eine komische Verdrehung aller Sinnlosigkeit. Ich glaube an eine neue Kunst der verpflichtenden Gewalt: Die Kunst sollte alle Dinge zerstören, ehe sie zu nützlichen Symbolen eines unsinnigen Ewigkeitsdenkens werden und ehe sie zu Zeitzündern einer teuer bezahlten Zerstörung werden. Weil die meisten Kunstgalerien sich hinter finsteren kommerziellen Träumereien verrammeln, suche ich die neue Kunst in den Comic-Heften und Sensationsblättern. Da kann man die eigentlichen Katastrophen sehen, die herabstürzenden Schuttmassen, die Überschwemmungen, Sturmfluten, die Massenvernichtungen und groben Gedankenlosigkeiten: Es ist so, wie wenn sich Flugzeuge zu einem hektischen Stelldichein über New York treffen, über dem Häusermeer Schnee in Blut verwandeln und alle Kirchtürme und Begräbnisinstitute dem Erdboden gleichmachen, Schrecken verbreiten und Feuer und Flammen wie Irrlichter durch Schönheitssalons, Tankstellen, chinesische Wäschereien und staubige Selbstbedienungsläden tanzen und die wächsernen Blumenimitationen verdampfen. Dann ist für wenige Augenblicke das Leben erneuert und der Konformismus besiegt. Das ist die neue Kunst, die Schock-Kunst, die Anti-Kunst, die uns auf das Sodom und Gomorrha der H-Bomben und die Seekrankheit des gewaltsamen Todes vorbereitet.

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AUGUSTUS GOERTZ STATEMENT:

Zur Hölle mit all den alten und neuen akademischen Tabus ihr Künstler!

1961 ist das historische Jahr. Viele Künstler treffen sich endlich, um mit dem Spezialistentum und dem oberflächlichen Dekor aufzuräumen, indem sie ihre eigenen Arbeiten zur Diskussion stellen, und zwar solche, die sich mit der menschlichen Seele auseinandersetzen.

Noch einmal ... zum Teufel mit den akademischen Tabus.

Die explodierende Menschheit ist ein großes Meer von Blut, Scheiße und Sex, dem wir nicht entrinnen können. Lasst uns das alles ansehen!

Das große Abenteuer der heutigen Zeit mit ihrer fürchterlichen Meinungsmache ist, dass Fachidioten uns das Werkzeug schmieden.

Lasst uns jedem danken, auch in der Vergangenheit. Die Mittel der Kunst geben uns die Möglichkeit dazu.

Die Aperitifs sind ausgezeichnet ... doch lasst uns zum Bankett schreiten!
Wir freuen uns über Subjektivität ... deshalb ... Ran!
Wir brauchen all die Werkzeuge, um unsere Ideen damit zu realisieren.

Kommt, lasst uns das Drama ansehen, Schönheit und Hässlichkeit,
der Tanz der Welt in den Höllenflammen ...

Lasst uns diesen Tanz erleben und darin baden.

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©  http://borislurie.no-art.info/shows/1961_involvement-nyc.html