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Aufgeschrieben von Boris Lurie für die Zeit von 1924 bis 1946

1924 | 18. Juli geboren, UdSSR, Leningrad (Tolstoy-Platz, Kamennyi Setrow).

1925-26 | nach Riga, Lettland.

1930-31 | Studien an der Riga deutschsprachigen juedischen Ezra-Schule.

1934-35 | Aktiv als Organisator bei juedischen Sportvereinen Nakkabi und Hazair (nach dessen Verbot nach dem faschistischen Putsch in 1934, unter dem Namen Haolim).

1935 | Sichtung eines Plakats Franzoesischer Modernen Kunst mit Abbildung von Marc Chagalls Gemaelde „Fliegender Jude ueber Witebek”.

1939 | Ausfallen aus der links-zionistischen Bewegung Kaschomer Hazair, einer der zwei letzten in der Klasse (bewirkt durch Interesse der Jungen an Maedchen ...)
Fahrt nach Italien, wo meine Schwester verheiratet war. Un-impressioniert im Allgemeinen an Rennaisance-Kunst, spezifisch an Veronese.
Kurzer Aufenthalt in Berlin bei Bekannten meiner Eltern, auf hin- und Rueckreise.
Rueckkehr nach Riga einen Tag vor Kriegsausbruch.

1940 | Lettland wird vorerst zu einer demokratischen Republik, danach zur Lettlaendischen sozialistischen Sowjetrepublik.
Unterrichtungssprache in der Schule wird Russisch. Privatschule wird zu einer Staatsschule. - Vorher, 1934, nach dem faschistischen Putsch, wurde Unterrichtungssprache von Deutsch auf Lettisch versondert.
Ilustrationsarbeiten fuer Zeitschrift und Buchdeckel fuer juedischen Verlag der kommunistischen Partei; sehr gut bezahlt.
Erwaehlt, auf „anti-sowjetischem Ticket“ als Klassenaeltester, demnach, nach einer Verteidigungsrede fuer einen Mitschueler der herausgeworfen werden sollte (Bubi Fried), da ich das Gegenteil machte, von meinem Amt selbst entlassen worden.

1941 | Ungefaehr 2 Wochen vor Kriegsausbruch, Aussiedlung von ungefaehr 10.000 Menschen in Zwangsresidenz und Gulags nach Sibirien, worin die meisten kleine Unternehmer und die wirklichen Natioanal-lettischen und faschistischen Personen meistens verpasst wurden (die auf die zurueckziehenden Sowjets schossen und nach Einmarsch der Deutschen und noch zuvor die Greueltaten veruebten).
1. Juli : Riga wird von deutschen Truppen besetzt. Zugleich Anfang der Terrorwelle, von lettischen Partisanen und Polizei durchgefuehrt. Wir wurden verschont, da die Wehrmacht unser Haus und unsere Wohnung fuer deutsche Wehrmachtsangehoerige beschlagnahmte (durch Vorschlag einer Nachbarin, die einen ehemaligen Baltendeutschen Offizier erkannte und befuerwortete, dass man in die juedischen Wohnungen deutsche Offiziere als „Mieter“ einsetzte - was uns vor der lettischen Polizei und Terror bewahrte). Vorher wurde die Wohnung von lettischer Polizei einige male ausgeraubt, aber gluecklicherweise fanden keine Arreste statt.
nach 1. Juli : Einige Tage Zwangsarbeit im Riga Exporthafen und bei einer Wehrmacht Propaganda Einheit.
September : Umzug ins Riga-Getto, Ludzas Strasse 37.
27. Novembe :. Uebersiedlung von Vater und mir ins „Kleine Getto“, d.h. Arbeits-Getto.
28. November und 8. Dezember. Die 2 „Grossen Aktionen“. Meine juengere Schwester Jeanna, meine Mutter und meine Grossmutter kamen darin um. Auch meine grosse Jugendliebe und Mitschuelerin Ljuba Treskunowa.
Arbeit im Rigaer Export-Hafen, dann beim Wehrmachts-Quartieramt, zuerst auf der Turmstrasse, dann Freiheitsstrasse, dann Export Strasse. Auf der Freiheitsstrasse bin ich als Schildermaler taetig und male grossangelegte Wandbild in der Kantine.
Dezember : Alle meine jugendliche Kunstarbeiten werden in der alten Wohnung im grossen Getto hinterlassen.

1943 | Oktober : Die Kasernierung beim Wehrmacht Quartieramt wird aufgeloest und wir werden ins Arbeits-Getto zurueckgeschickt. Gleich hernach werden alle Gettos (inklusiv des Reichsjuden-Getto) liquidiert. Es gelingt uns durch ein Wunder beim Auslesen fuer die SD-Werkstaetten Lenta (durch Fritz Scherwitz) dahinzukommen. (Es ist die beste aller Kasernierungen und des von da an ab Konzentrationslagers Kaiserwald als Zentrum fungierenden).

1943-44 | Arbeite auf der Lenta als Tischler und dann in der Gaertnerei und dann wieder als Tischler (nachdem mein Vater erfahren hatte, dass ich mich im Schleichhandel unter dem Zaun und wenn die Kuehe auf die Wiese bringend, beschaeftigte).

1944 | September : Die Rote Armee steht schon kurz vor Riga. Die besten Handwerker werden ausgesucht und vorerst nach Libau transportiert, da und spaeter in norddeutschen KaZets verkamen die meisten; wir wurden in das beruechtigte KaZet Salaspils abmarschiert (zirka 8 kilometer aus Riga) und Fritz Scherwitz versprach uns von da in 8 Tagen wieder abzuholen. Wir wurden da separat gehalten und gut verpflegt (also nicht der Lagerdisziplin unterworfen). Faktisch kam auch Scherwitz und holte uns dann ab. Das Salaspils-Lager befand sich gerade wo alle Exekutionen ausgefuehrt wurden. Ich vermute, dass wir faktisch Geisel waren und Scherwitz es ausgehandelt hat, dass falls eine deutsche Konteroffensive die Sowjets (von Mitau) abschlagen wuerde, er uns zurueckerhalter koennte, aber nur in diesem Fall.
September : Scherwitz versprach, dass die Lenta-Werkstaetten mitsam den uebriggebliebenen Leuten nach Konitz, Ostpreussen komplet versetzt wuerden. Das hatte er er konnte aber nicht einhalten. Wir wurden auf einen Dampfer verfrachtet mitsam anderen Haeftlingen aus KaZet-Kaiserwald. Schreckliche Fahrt nach Danzig und dann per Lastkahn nach KaZet-Stutthof.

1944 | September-Oktober : In Stutthof – Der italienische Diplomat Aldo Caradello, den mein Vater irgendwie ausfindig gemacht hat, er selbst ein „Ehrenhaeftling“, verhalf mir bei der Arbeit zu entgehen und half auch was mit Essen. Er erfuhr, dass ein Transport nach Magdeburg-Buchenwald abgehen wuerde und ratete, dass wir uns diesem unbedingt anschliessen sollten.
Oktober : In Polte-Werke, Aussenlager von Buchenwald in Magdeburg. Die Arbeit ist langstuendig, es gibt keine Moeglichkeit Proviant zusetzlich zu kriegen und man verhungert langsam. Jedoch man ist in der Fabrik vor Kaelte geschuetzt und die Behandlung ist verhaeltnismaesig gut, falls man keine Vorgehen veruebt. Mein Vater hatte Pech in der schlimmsten Abteilung, der Bonderei, arbeiten zu muessen und er war schon 51 Jahre alt. Ich bat meinen Obermeister, der ein NSDAP-Abzeichen trug, ihn zu mir; in die Schleiferei zu ueberfuehren – was er auch tat. Spater, zu Weihnachten, gab es wunderlicherweise Praemien fuer die besten Arbeiter – eine halbe Schachtel Tabak. Mein Vater ueberzeugte den Hauptingenieur, dass er einst „ein Grossindustrieller“ war, und der stellte meines Vaters Namen auf die Liste. Eine halbe Schachtel Tabak war ein Vermoegen und man konnte viele Tage dadurch leben.
November-Dezember : Luftangriffe, die ganze Stadt scheint zerstoert zu sein (2 grosse Angriffe) aber die grosse Fabrik bleibt ungeruehrt, wobei es gleich auserhalb auch brennt.

1945 | Januar: Die Fabrik arbeitet nicht mehr, da es keine Rohstoffzufahrt mehr gibt. Wir muessen in die Stadt um die Ruienen zu ordnen ... was kaum von Ausgehungerten gemacht werden kann. Aber da finden wir Proviante in den verschonten Kellern, das half uns durchhalten, obwohl es mit gedrohter Todesstrafe verbunden war.
Grosse Gefahr beim Einbringen von Proviant, hauptsaechlich von Kartoffeln (auch von den Feuern backen). Ich entgehe durch ein Wunder (oder Schlauheit?) einer Kontrolle durch den Lager-Kommandant Hoffmann. Der Hoffmann ist ein rein-sadistischer Killer.
8. April (?) Beim Rueckmarsch von den Ruienen-Aufraeumungsarbeiten, mitte in der Stadt, entlauft unsere SS-Wache. Es soll die Freiheit sein. Die Haeftlinge heben in die Luft einen aelteren SS-Wachmann, der gut war! – das war ihre erste Tat als freie Menschen, fuer die sie sich dann hielten! Ich beteiligte mich nicht dabei! Ich und ein neugefundener Freund (unsere Vaeter waren dann schon in der „Schonungsbaracke“ da sie zu schwach fuers Arbeiten waren) begaben uns zurück ins Lager. Dort fanden wir die Vaeter nicht mehr. Unterwegs begegneten wir SS-Hoffmann und Kapos, die das Gut der SS-er auf Karren stoszten und ich war dumm genug den Hoffmann anzusprechen um zu erfahren, was mit den Leuten in der Schonungsbaracke passiert sei. Hoffmann, Revolver in einer Hand und Flasche Bier in der anderen, sagte zu mir „komm doch mit mein Junge, wir wollen alle weg von den Amerikanern!“ So ist man ganz verrueckt, den killer anzusprechen. Eines Tages spaeter, oder noch am selben Tag, abends, sagte mir mein neugefundener Freund Ljova Kalika (Leon Kollins) dass die „Prominenz“ der Gefangenen nicht im Lager uerbernachteten, doch ins Fabrikgelaende gingen, um da in dem „Schwarzen Schuppen“ zu uebernachten. (Das war gerade, als ich mich im Graben entledigte ...) und ich sagte ihm, „wir gehen dahin auch“. Die „Prominenz“ (Kapos & Werkstubenleiter) mit ihren girl-friends sassen da in einer warmgeheizten Stube – aber sie liessen uns nicht rein (Klassenunterschiede herrschten auch nach der „Befreiung“!) Nachts wurde es kalt und wir krochen in einen Kasten unter einem Lastwagenanhaenger, der sich zu bewegen anfing, sodass wir aussprangen: eine Luftwaffensoldatengruppe, sie liessen uns in Ruhe, als wir ihnen sagten wir waeren „Fremdarbeiter“ & koennten nicht wegen der Sperrzeit zeitig in unsere Unterkunft zurueckkehren. – Das Glueck bei alledem & was folgt war dabei, dass wir keine gestreifte Haeftlingskleider & Holzklumpen trugen; irgendwie wurden wir nicht in Stutthof mit solchen ausgeruestet.
8. bis 18. April: Am Morgen stellten wir fest, dass das Lager vollkommen ausgeleert war ... wie nach einer „Aktion“ mit Kleidungsstuecken, Schuhen u.s.w. auf dem Terrain. Von da ab waren wir (legalistisch) entflohene Haeftlinge. Wir begaben uns in die ausgebombte Stadt, wo wir uns in Kellern & anderswo versteckten. Einige male wurden wir von der Polizei gejagt (mein Freund wurde geschnappt und im Polizeirevier gehalten, aber schliesslich laufen lassen, was ich nur ungefaehr 10 Jahre spaeter erfuhr). Ein mal schnappte mich beinahe ein Polizist, der auf die Treppe raufkam, wo ich mich verbarg, aber sich gerade vordem dass er mich erblicken konnte, sich umkehrte und die Treppe wieder hinunterging. Die Polizei kam auf Anregung der Zivilisten, die an sie telefonierten (ob sie glaubten, wir waeren Fallschirmjaeger, oder einfach, weil wir Essenwaren in den Kellern pluendern mussten). Dabei gab es keine Kriegsereignisse, alles war totstill. Nach einigen Versuchen aus meinem Versteck in einen „sicheren Ort“ („Hospital St. Theresa“) hinueberzulaufen wurde ich beinahe geschnappt. Dann kroch ich zurueck in mein Versteck im obersten Flur eines ausgebombten Hauses (was der unsicherste Ort logisch waere) und legte mich unter ein Ehebett und schlief ein paar Tage, wurde aufgeweckt von einer Luftbombardierung, nur ein-zwei amerikanische Flugzeuge, die Bomben auf die ausgebombten Haeuser abwarfen, alles rundherum brannte – aber mein Haus wurde nicht getroffen. Am 18. April morgens hoerte ich Stimmen von der Sprache, die nicht Deutsch waren, glaubte vorerst es waeren irgendwelche deutsche Hilfstruppen – aber es waren die ersten Amerikaner, eine kleine Gruppe nur der Infantrie. Da ich nicht wusste ob sie mich mitnehmen wuerden und falls nicht mein Verstecksort preisgegeben sein wuerde, ging ich nicht zu ihnen hinunter. Und die Amerikaner verschwanden. Dann glaubte ich, dass ich meine Moeglichkeit verpasst haette – es dauerte 2 Stunden bis die ersten Jeeps und Panzerwagen ankamen. Dann ging ich runter, wo die Panzer geparkt waren & schuettelte die Hand eines aelteren Amerikaners, der auf dem Panzer seinen Kaffe vorbereitete & sagte ihm, ich waere ein russischer Gefangener & er sagte, dass so was nimmer mehr passieren wuerde ... Ich war schon ganz wackelig & begab mich auf den Weg zurueck ins Lager, da schoss, aus einer vorbeifahrenden amerikanischen LKW-Kolonne ein GI auf mich, doch schoss vorbei ...
18. April & ab : Mein Vater war nicht im Lager. Ich war erkrankt oder so ermuedet, dass ich paar Tage schlief. Wurde von meinem Vater aufgeweckt, der schoen angezogen war und mich noch dazu beschuldete, dass ich so dumm sei, seine neue Adresse in der Stadt nicht erfahren zu können ... (und es war ja gerade wegen ihm, dass wir nach der falschen Befreiung ins Lager zurueckkehrten umd die Vaeter zu finden, sonst haetten wir uns gleich in der Stadt versteck verhalten ...) Mein Vater hatte eine ganz andere Erfahrung nach der „falschen“ Befreiung“ (8. April): es soll einen Fliegerangriff gegeben haben & mein Vater begab sich in einen Luftschutzkeller in der Stadt; dort gab es Polizeikontrolle, aber er sagte den Polizisten er sei russischer Fremdarbeiter & sie glaubten ihm; ein Deutscher, den er im Luftschutzkeller getroffen hatte, offrierte meinem Vater ihn zu verbergen, was er tat – und so kam die Befreiung zu meinem Vater ganz angenehmerweise! Genau das Gegenteil von dem, was ich als entflohener Gefangener durchgehen musste! Mein Vater lebte schon in einer guten Wohnung, von der ein Nazi entlaufen war, war schoen angezogen und wurde von der Hausmeisterfrau bedient. Er hatte schon eine Arbeit, naemlich Weinrationen an russische Kriegsgefangene auszuteilen (die vorher das Weinlager zerschmetterten und sich betrunken) und konnte seinen Anteil Wein mit den jungen Russen, die ihm gehorchten, fuer Proviant, das jene von den deutschen Bauern stielen, austauschen.
Ende April : Umsiedlung nach dem DP-camp Hillersleben, unweit Magdeburgs. Da brach eine Typhusepedemie aus, die von den befreiten ungarischen Haedtlingen hereingebracht wurde & das DP-camp wurde quarantiert. Ploetzlich erscheint ein amerikanischer Offizier. Mein italienischer Schwager Dino Russi, der Agent der C.I.C. war und nahm uns halb-legalerweise (doch unter dem Stacheldraht) aus dem Lager heraus. Von da aus ging es nach Rudolstadt in Thueringen und spaeter nach Bad-Orb in Oberhessen, spaeter nach Hanau (bei Frankfurt) und dann nach Buedingen, Oberhessen und ich arbeitete als Dolmetscher und Untersuchungshelfer bei der C.I.C. Ende des Jahren wurde ich von der C.I.C. entlassen (weil ich und ein anderer hollaendischer Angestellter abends ins Kino gingen & es mehr keine Eintrittskarten gab & und wir dann sagten, dass wir von der C.I.C. seien & gleich hineingelassen wurden ... aber naechsten morgens wurde uns beigebracht, dass wir unsere Identitaet geheimhalten muessten – und deswegen entlassen werden ...) Aber ich kriegte eine hohe Stellung als „Chef“ des Informationsdienstes in einem Kriegsgefangenenlager in Babenhausen, wo mehr als 10,000 Kriegsgefangene interniert waren.

1946 | Juni : Uebersiedlung nach New York, durch Bremerhafen. Da kamen 2 juedische Kapos, die deutschen Juden Klaus Solomon und Kurt .... ins Bremerhafen Transitlager zu Besuch und ich benachrichtigte die C.I.C. da, die zu Untersuchung ins Transportlager kam – aber die juedischen ex-Haeftlinge weigerten sich, gegen die beiden auszusagen.
18. Juni : Erreichen New York nach 12-taegigen Fahrt auf Truppentransportschiff („Marine Flasher“).

Weiterführende Literatur: Anita Kugler, Scherwitz, Der jüdische SS-Offizier, 758 Seiten, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004, ISBN 3-462-03314-X, dort wird auf den Seiten 171, 347, 396, 398 ff., 408, 414, 418, 431, 435 f., und 438 ausführlich über Boris Luries KZ-Zeit berichtet.
Anita Kugler ist einer ganz und gar unglaublichen Biographie auf die Spur gekommen. Das Schicksal des jüdischen SS-Offiziers ist einmalig, weil sich in seinem Leben die Katastrophen und Absurditäten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verdichten. Nichts ist so, wie es scheint. »Am 26. April 1948 wird Dr. Eleke Scherwitz, Regionalleiter für die Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus in Oberschwaben, als mutmaßlicher Kriegsverbrecher verhaftet.« Mit diesem Satz beginnt Anita Kugler ihre Biographie über einen Mann, dessen Name und Herkunft unklar sind, der Kindersoldat bei einem Freikorps in Litauen war und sich später zu einer der seltsamsten Figuren in der Geschichte der SS entwickelte. In Riga leitete er das KZ-Außenlager Lenta, in dem Luxusgüter für SS-Offiziere hergestellt wurden. Die bei ihm beschäftigten jüdischen Handwerker nannten ihn »Chaze«, Kamerad, Beschützer, Lebensretter. Es war ein Konzentrationslager, in dem es alles gab, außer der Freiheit. Gleich nach dem Krieg behauptete Scherwitz, in Wahrheit Jude zu sein, und jeder wollte ihm glauben. Unter amerikanischer Besatzung begann er eine antifaschistische Karriere, bis ihn seine Vergangenheit einholte. Ihm wurde vorgeworfen, im Herbst 1944 drei jüdische Häftlinge auf der Flucht erschossen zu haben. Nach drei Prozessen ohne Beweise verurteilte ihn das Schwurgericht München 1950 wegen Totschlags zu sechs Jahren Gefängnis. Seine jüdische Herkunft wurde ihm strafverschärfend angekreidet, die »Tötung eigener Rassegenossen« galt deutschen Richtern als eine »besonders verwerfliche« Tat. Heute fordern ehemalige Häftlinge der Lenta seine Rehabilitierung, auch solche, die ihn damals belastet haben. Anita Kugler hat jahrelang in in- und ausländischen Archiven Scherwitz’ Spuren verfolgt und mit Zeitzeugen gesprochen. Ihre Biographie ist wissenschaftlich genau, dabei spannend wie ein Krimi und verstörend von der ersten bis zur letzten Zeile. [zitiert aus der Verlagsanzeige zu disem Buch von Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004]

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