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NO!künstler [1972]


Die New Yorker NO!artists arbeiteten seit 1959 an kollektiven Ausstellungen und Manifestationen zusammen, anfänglich aus dem Keller der kooperativen March Gallery auf der 10. Strasse, dem Zentrum der damaligen kooperativen Kunstbewegung.
Die NO!artists in der March Gallery waren die ersten und einzigen, die exklusiv in der Richtung des sozialen Engagements, der Kontestationskunst, in einem neuen künstlerischen Sinne arbeiteten. Meistens waren die Ausstellungen thematisch; Arbeiten wurden von  den Künstlern speziell für die Thema-Ausstellungen angefertigt.
Die NO!art-Manifestationen waren: ‚Adieu Amerique’ 1960, ‚Les Lions’ 1960, ‚Vulgar Show’ 1961, ‚Doom Show’ 1961 (Atomkrise), Atomkrise Demonstrationskunst 1961 (Masken, bemaltes Auto, Floats), ‚Doom Show Film’ von Ray Wisniewski 1961, ‚Doom Show’, Mailand, Galerie Schwarz und Rom, Galerie La Salita, ‚NO-posters’ Boris Lurie 1963, ‚Multiplications’ 1962, ‚NO-show’ 1963, ‚NO’ Boris Lurie 1963, ‚One Thousand Boat Show’ Kusama 1963, Erro Show 1964, ‚Subway Posters’ Herb Brown 1964, ‚American Death Show’ Sam Goodman und Dorothy Gillespie, ‚NO Sculptures Show’ Sam Goodman, Boris Lurie und Stanley Fisher 1965.
Boris Lurie, Sam Goodman, Stanley Fisher, John Fischer, Isser Aronovici, Augustus Goertz, Michelle Stuart, Ted Joans, Bob Logan, Jerome Rothenberg, Jean-Jacques Lebel, Erro, Herb Brown, Esther Gilman, Gloria Graves, Allan Kaprow, Yaoi Kusama, Richard Tyler, Allan D'Arcangelo, Rocco Armento, Ray Wisniewski und andere beteiligten sich an den Manifestationen.
Seit 1963 stellte die Gruppe in den ihr zur Verfügung gestellten Räumen der  Galerie Gertrude Stein aus, wo die Gruppe volle Kontrolle über Wahl und Zeit der Ausstellungen hatte und wo keine Arbeiten anderer Tendenzen ausgestellt wurden. Der Kern der Gruppe bestand aus Sam Goodman, Stanley Fisher und Boris Lurie, der die Ausstellungs-Manifestationen meistens arrangierte.
Die NO!art war anfänglich eine Rebellion gegen die Verschleierung der Abstrakt-Expressionisten, noch vor der Popularisierung durch den Kunstmarkt der   sogenannten Pop-Kunst. Die zukünftigen Pop-Künstler wurden von NO!art stark beeinflußt, jedoch wußten sie wie ihre Arbeiten zu ‚reinigen’, ‚permanente’ Werke herzustellen, und einen ‚camp’ Sinn (leicht zynisch-humoristisch-homosexuell) beizufügen. Während die Pop das amerikanische industrielle Environment feierte, kritisierten es die NO!artists unumgänglich. Ihre Kritik war auch stark gegen Ästhetisierung, Verschleierung und Dekoration der Abstrakten Tendenzen gerichtet. Zwischen den akzeptierten Tendenzen und der NO!art besteht dasselbe Verhältnis wie zwischen Cafemusik und der sozialen Rockmusik. Die Stellungnahme der NO!artists wirkte sich auf die Untergrundpresse aus und auf die Ästhetik der aufgeregten politisierten Jugend.
Nach der vollkommenen Monopolisierung der New York ‚Avant Guarde’ durch die Pop-Interessengruppe wurden alle Informationsmöglichkeiten den NO!artists verweigert. Galerien und Museen waren effektiv gesperrt, sowohl wie auch die stark kontrollierte Presse, wie zum Beispiel unter anderem ein Kurator (W. S.) des Museum of Modern Art, der sich verweigerte NO!artists auszustellen, trotzdem daß sie für eine  Ausstellung gewählt worden waren, andere Arbeiten wurden ausgesucht und dann zurückgeschickt, sogar Ausstellungen, die um Themas von NO!art waren, wie über die Pin-up, wurden ohne  Anteilnahme der originellen Künstler organisiert (‚American girlie Show’ zum   Beispiel, wo selbst der Pop-Kunsthändler I.K. protestierte). Es wurde im Allgemeinen bedingt, daß keine Namen von NO!artists auf Ausstellungslisten kommen; obwohl die Benutzung der Pin-ups als  Symbol von Lurie schon seit 1955 betrieben wurde, ExkrementskuIpturen u.s.w. wurden frei von späteren Popkünstlern gebraucht und durch den Markt popularisiert. Die Kunsthändlerin Gertrude Stein war auch schließlich gezwungen es aufzugeben, die NO!art zu promotieren, da effektiv alle Informations- und Handelswege gesperrt waren. Jedoch versuchten einige Popinteressenten, Herr Kraushaar dazwischen, die NO!art ästhetisch zu kontrollieren, um sie in die Pop als Satteliten einzugliedern. Die effektive Informations- und Handelszensur erreichte ihr Ziel trotz der außergewöhnlichen Popularität der NO!art-Manifestationen, trotzdem einige Tausende die ‚Doom Show’ in  New York, und beinahe Zehntausend diese Manifestation in Rom besuchten.
Symbolisch ist NO!art aus der amerikanischen Pin-up Girl geboren, Symbol des unterdrückten und kommerzialisierten erotischen Strebens. Lurie brachte die Pin-up in die Kunst in den fünfziger Jahren, noch vor der ‚Adieu Amerique’-Ausstellung. Die ‚Doom Show’ war die erste vollkommen politisierte Ausstellung-Manifestation während der Kruschchev - Kennedy Konfrontation über Kuba. Die Death-sculptures und die ‚American Death Show’, die erste Informationskunst von Sam Goodman und Dorothy Gillespie, waren andere Höhepunkte. Die NO-sculptures (Shit-show) war die erste systemische Kunstausstellung dessen Thema Exkrement war, eine Goodman-Lurie Kollaboration am Ende der Kennedy-Periode und am Anfang von Vietnam. Die Arbeit geht weiterhin vor, mit Einzelarbeiten und Anteilnahme an Gruppenausstellungen (Aspects du Racisme, Paris 1972, Kunst und Politik, Karlsruhe, 1972).

Die ästhetischen Wurzeln der NO!art stammen aus populärer Straßenkunst, aus Graffiti, aus industriellem Abfall, mit Spontaneität, starkem, j jedoch nicht immer offenem Expressionismus, aus Multiplikation von Sehen und Fühlungsweisen, aus Kunstaktion und Überarbeitung und dem Prozeß der Arbeit selbst heraus. Das Inhaltliche wird immer unterstrichen, und eine jede Technik die dem Ausdruck dient ist willkommen. Die Desperation und Enttäuschung der fünfziger und sechziger Jahre wurde freier Ausdruck gegeben, ohne Verschleierung, und politischer sozialer Inhalt ausgedrückt. Jedoch ist das keine Propagandakunst der Illustration: der Zuschauer wird konfrontiert und provoziert; es kommt so zu politischer und persönlicher Auseinandersetzung im Rahmen der Kunst (nicht der Anti-Kunst!). Falls Dada eine ‚aristokratische Rebellion’, wie sie Salvador Dali bei dem Eröffnungsempfang in dem Museum of Modern Art nannte (während Protestdemonstrationen gegen das Museum und die Ausstellung draußen stattfanden), so ist die NO!art andererseits die Rebellion der unterprivilegierten Lumpenproletariat-Künstler.

DIE ÄSTHETISCH-PHYSISCHEN INNOVATIONEN DER NO!art :
KONZEPTUELL: Neinschreiben, ‚Kritikerstuhl’, ‚Menu mit Blutwurst’, Schlagzeilen wie ‚Liberty or Death’ usw.
DEFORMATION: in Plastik, ‚Kelvinator Bull’, usw.
EXTRUSIONSPROZESS: NO sculptures, Shit sculptures
FABRIKATION: zerrissene Pin-ups fabriziert als Pappe, Karton
CHIRURGISCHE OPERATION: Gesichter, Körper, als Hautoperation, Stanley Fisher
TOTE TIERE: Hühnerköpfe in Plastik gegossen, ‚Death Sculptures’
AKTIVES ABWURFSMATERIAL: Pinup ‚Abgezogen’ in Bleifarbe
STEMPEL: NO-stamps, auch NO-stencils
SCHREIBEN IN SAND: NO-Skulpturen in Sand geschrieben, dann in Alu abgegossen
POLITISCHE PLAKATE ALS KUNST: Projekte ‚Stop testing’,’Doom’; ‚NO-posters’
VERÄNDERTE PHOTOS: Journalistische, historische Photos mit veränderten Titeln
‚A. Hitler: Assemblage 1945’, Konzentrationslager-Leichen
ÜBERFÜLLUNGSPROZESS: ‚Kunstaktion’ kombinierte oder einfache Techniken, überladen, wieder übermalt usw., bis Resolution durch Überfüllen stattfindet, bis die ‚Antwort’ durch ‚Kunstaktion’ erscheint.
KOLLEKTIVISIERUNG UND DEPERSONALISIERUNG: ein anderer Künstler, nicht der Autor ‚beendet’ das Werk; oder Komponenten eines Werkes werden von einem anderen Künstler ausgewählt
SYSTEMATISCHE SERIE-AUSSTELLUNGEN: NO-sculptures show, Shit show, NO-posters
INFORMATIONSAUSSTELLUNG: ‚American Death Show’
BODENGESTREUTE SKULPTUREN: Doom Show
ORGANISCH WACHSENDE UND SICH VERÄNDERNDE MANIFESTATIONS-AUSSTELLUNGEN
Publiziert in: NO box, Edition Hundertmark, Köln 1996
©  http://borislurie.no-art.info/geschriebigtes/1972_no-kuenstler.html