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FEEL-PAINTINGS
+ Buchvorstellung NO!art-ANTHOLOGIE
Galerie Hundertmark | Köln | Brüsseler Strasse 12 | 15. - 30.7 + 1.9. - 10.9.1988
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Erklärung von Boris Lurie zur Fühl-Malerei (Feel paintings):
Transskript vom Original)

Diese Arbeiten von 1987-88, sind eine Fortsetzung der „Fühl-Bilder“ der frühen 54er Jahre. „Fühl-Bilder“ werden gemacht, durch Tasten, Liebkosen (meißeln... zwei-dimensionale Skulptur) Schlagen, Kratzen-- körperliche Einprägung des Augenblickes, geladen von einer Gefühlregung. Beide Hände, alle Finger, Ellbogen, die Fäuste, verüben einen Druck auf die Oberfläche-- weiche Spuren, auf dem Papier oder der Leinwand hinterlässt.

Enthalten ist eine physische Tätigkeit, die der „Macher“ nicht beobachten kann, mit Ausnahme des Maßes der Erinnerung, von Muskelbewegungen seiner Arme und Finger. Falls solch ein erstes Prägen nicht zufriedenstellend ist, kann die Leinwand ein zweites u.s.w. „Fühl“-blindes Überarbeiten erdulden, oder aber wird es weggeworfen.

Was scheint, die Stärke der Ausdrucksfähigkeit des realisierten Standbildes zu bestimmen, könnte wahrscheinlich die Stärke des Gefühles sein, das den physischen Akt entzündet.

Dieses „Fühlen-Malen“ schließt aus das Herausfinden von Bildgestaltungen, und deren Verbesserung, wie es in gewissen surrealistischen Automatismen im Brauch ist, es schließt aus, Veränderungen und Verfeinerungen in der Bildkomposition zu machen. Es zielt darauf hin, das Zufällige wie auch die zufällige Geste, auszuschließen.

Die Hand- und Fingerbewegungen des „Bildenden“ sind bewusst von einem Programm, dass er im Sinne hat, geleitet. Auch so, falls er so auswählt-- während des Fühl-Verfahrens, --die ursprüngliche Absicht zu subvertieren oder zu vernichten.

Der Arbeitsprozess ist technisch hinderlich, und voller Aufschübe, weil gewisse Vorbereitungen notwendig sind: Speziale Farbe (oder andere Arbeitsmaterie) muss hergestellt werden, bezüglich auf Dichtheit und andere Eigenschaften, es kann nicht schnell verändert werden (wie ein Expressionist es sich wünsche).

Ein ernstes Urteilsproblem ist-- wie das Resultat einzuschätzen. „Fühl-Malerei“ könnte damit gipfeln, rechtfertig so, oder auch schalkhaft indem der „Macher“ alles annimmt was er schafft, als positiven Wert. Seine Rechtfertigung in solchem Fall möge sein, dass das Resultat ganz wahrhaft porträtiert-- den wirklichen Moment.

Was findet der „Schöpfer“-- oder der Betrachter, in diesem Rorschak Standbild? Ist das sichtliche Einprägen, „dasselbe“ oder ist es ähnlich, in Gestaltung, Geschichtenerzählung, Stimmung, Landschaft? Wie viel von seiner eigenen Geschichte, liest der Beobachter in die gebotene „Fühl-Malerei" hinein? Es müsste so sein, dass der blinde Bildnis-Macher, den „Schauer“ in eine Gegend, nahezu seinem "Fühl" bringt. Sogar ein narratives Gemälde kann verschiedene Auslegungen von verschiedenen Beobachtern hervorrufen-- sogar verschiedene Interpretationen bei demselben Mensch: Die Zeit-- kommt da ins Spiel. Das „Fühl-Gebilde“ verbreitert doch zum größten Maße, das Theater der gestaltlichen und dichterischen Auslegung-- und zu dem Punkt, wo der Beobachter, der Regisseur (und auch Schauspieler) wird-- und er selbst, Produzent des Rorschak-BiIdes.

Wir sind, und paradoxerweise in diesen 1980zigem, und scheinbar so spät nach dem Fakt, im Späterwecken, was benannt werden könnte, „Nach-Auschwitz“. Die ausgegangenen heiligen Rebellenfeuer von 1960-70, brachten als Nachruf, in das Bewusstsein, diejenige gesamte "Groß-Industrie", die aus dem Ofen-Brennpunkt rausrutschte. Wir sind, unter ihrem Schatten-- der lebt! Und keine Massen Pop and Yupp, können es verändern.

Die „Fühlen-Malerei“, noch Meinung ihres Meisters, könnte in diese Marschtruppe hineinpassen-„Nach-Auschwitz-Kunst“ geprägt. Es könnte „Schnellkunst!“ benannt werden, da die Zeit heute schneller läuft, wie schnell, man vergeht (und nicht im Sinn, wie es die Optimisten-Futuristen meinten). Doch besser noch, es wäre benannt „Noch-Kunst“, (das ist nachdem die ganze „Kunst“ sei abgetan). Der Brauch des Wortes „Kunst“, unter der wirtschaftlich-akademischen Verschirmung, ist völlig willkürlich.

Die Schnelligkeit, die kurzgelebte Minute, in eine körperliche Bewegung umgestellt, ermöglicht es einem gleichfalls, zurück sich zu bewegen in der Zeit-- mit gleicher Schnellkraft rückwärts, in die Länder des Verwehten. Um aufzuschwemmen-- Gedächtnisse und Lagen des Verschollenen, --die Geister aufzurufen.

Verzweifelt, wütend, liebend, hassend-- fühlen, kratzen, schlagen-- die Betonwände, --heute.

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NO!art-ANTHOLOGIE

Edition Hundertmark | Köln 1988 | 530 S. | 284 s/w Abb. | 20,5 x 15 cm | Paperback | deutsch/englisch

Buchumschlag, VorderseiteMit Beiträgen von Louis Aragon,
Isser Aronovici, Dore Ashton, Erje Ayden,
Gregory Battcock, Herb Brown, Al Brunelle,
Iris Clert, Fielding Dawson,
Allan D'Arcangelo, De Hirsh Margules,
Dov Or-Ner, Erro, John Fisher,
Stanley Fisher, Gerard Gassiot-Talabot,
Dorothy Gillespie, Augustus Goertz,
Esther Morgenstern Gilman,
Sam Goodman, Thomas B. Hess,
Marcel Janco, Wolfgang Kahlke,
Elmer L. Kline, Seymour Krim,
Yayoi Kusama, Jean-Jacques Lebel,
Boris Lurie, Mario de Micheli,
Jack Micheline, Brian O'Doherty, Lil Picard,
Harold Rosenberg, Barry N. Schwartz,
Emanuel K. & Reta Shaknove Schwartz,
Arturo Schwarz, Paul Simon,
Gertrude Stein, Michelle Stuart, Jean Toche,
Wolf Vostell, Stella Waitzkin,
Ray Wisniewski und Tom Wolfe.
Info zur Anthologie
 
 

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FRIEDEMANN MALSCH:
Zur Veröffentlichung der ersten NO!art-Anthologie (1989)

Und was ist, wenn die Bombe niemals losgeht? Was dann? Dann werden wieder harte Gespräche in den Planungsbüros geführt ... Was kann EINER machen? Ihr traut euch ja nicht. EINER kann Schluss machen! EINER kann auf den Knopfdrücken! Maulwürfe sind wir mit Trinkwasser in Dosen. Fünf Liter für sechs Mark. In der Tiefe begraben laufen wir im Kreis herum und verbieten es uns, Luft zu atmen...Ist die radioaktive Strahlung noch gefährlich? Wo sind die Messgeräte? Hat da jemand einen Witz gerissen? Hahaha....

Ein Text von Thomas Bernhard vielleicht? Oder ein nach-tschernobylscher Erguß von Rainald Goetz? Weder noch: Sam Goodman schrieb das in einem Manifest zur Doom Show 1961.

Heinz Ohff charakterisierte 1973 anlässlich einer Retrospektive der NO!art-Bewegung in Berlin diese als „eine Art Sekte zwischen Pop und Happening, mit einem Schuss Kritischem Realismus, der freilich nicht...zum Dada-Realismus tendierte, sondern eher zur art brut."

Gerade gegen diese Klassifizierungs-Manie des Kunstbetriebes kämpften Goodman, Stanley Fisher und Boris Lurie, die Begründer von NO!art, mit ihren verschiedenen Ausstellungen zunächst in der eigenen March-Gallery. später in der Galerie Gertrude Stein zwischen 1958 und 1964 an. NO!art war eine Fundamental-Opposition, geboren auf dem De'gout angesichts der Hegemonie der unverbindlichen Ästhetik des Abstrakten Expressionismus in einer politischen Situation des Kalten Kriege«, verbunden mit allgemeiner Aufrüstung, H-Bomben-Euphorie und der noch frischen Erinnerung an die Schrecken der Nazi-Verbrechen, der Kz's und der Gaskammern.

In Europa sind die Künstler von NO!art wie auch die Aktivitäten der Gruppe, an denen zeitweise auch bekannte Namen wie Allen Kaprow, Jean-Jacques Lebel, Erro und andere teilnahmen, bisher kaum bekannt geworden. Nachdem Goodman bereits 1967 gestorben war und Fisher ihm 1980 folgte, gelang es nun Boris Lurie, eine Dokumentation der NO!art-Aktivitäten zu veröffentlichen. Wer allerdings eine Hochglanz-Broschüre der Art erwartet, mit der inzwischen die letzten Aufrechten der Avantgarde rehabilitiert werden, der wird enttäuscht. Das in der Edition Hundertmark erschienene Buch zeigt noch in der Aufmachung den subversiven Charakter, der dieser Bewegung anhaftete. Die Lektüre lässt den Leser jedoch schnell die Gründe für die fortdauernde Ignorierung erkennen. Noch heute, aus der Rückschau von 25 Jahren, haben Ausstellungen, Einzelwerke und die in Pamphleten öffentlich gemachten Ideen der Künstler hohen provokativen Wert. Von der "Vulgär-Show" und der "Involvement-Show" (in der unmissverständlich von jedem Besucher ein aktives Eingreifen in die Machtstrukturen von Kunst und Gesellschaft gefordert wurde), beide 1961, zur legendären "Doom Show" (Thema: der atomare Overkill), die auch in Italien zu sehen war, war bereits eine zunehmende Präzision und Schärfe des Angriffs feststellbar. Den Höhepunkt und gleichzeitig auch das Ende der Bewegung markierte dann die von Goodman und Lurie veranstaltete NO!SculptureShow/Shit Show (1964), in der Fäkalien nach streng formalen Kriterien präsentiert wurden.

Die fotografische Dokumentation dieser Aktivitäten atmet noch immer, und heute: schon wieder, den Hauch der Tabu Verletzung, der kulturpolitisch radikalen künstlerischen Haltung. Hier findet man vieles, das uns seit Beginn der 80er Jahre als postmoderne Zynik auf den Teller kommt, bereits 20 Jahre früher unmissversländlich formuliert. Dem fotografischen Teil ist eine Textsammlung mit Beiträgen unterschiedlicher Persönlichkeiten angegliedert. Persönliche Stellungnahmen, Briefe, Würdigungen, Kritiken und theoretische Reflektionen, darunter ein wenig bekannter Text von Gregory Battcock von 1971, wechseln sich ab. Die Reihe der Namen ist illuster: Iris Clert, Wolf Vostell, Aragon, Seymour Krim, Marcel Janco, Lil Picard, Dore Ashton, Mario de Micheli und Tom Wolfe gehören zu den Autoren.

Da die Realisierung dieser Dokumentation 20 Jahre in Anspruch nahm, ist auch der Zeitraum für die Entstehung der Texte entsprechend groß. Doch dies zeugt von der kontinuierlichen Aktualität der Ideen, die Lurie nicht müde wird zu verkünden. Zu seinen "NO!posters" (1964), die ähnliche Recycling-Methoden des Bildes aufweisen wie bei Polke/Kohlhöfer, sagt er, sie seien "der spontane Ausdruck einer sich selbst reinigenden Maschine, die sich gegen ihren Missbrauch in der Gesellschaft mit der ihr eigenen Mechanik auflehnt." Ästhetische Indifferenz bei starker moralischer Erschütterung - hier ist ein wichtiges Vorkapitel für die 80er Jahre zu entdecken.

Quelle: Kunstforum, Band 99, Köln, März/April 1989, S. 352-53

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Friedemann Malsch ist seit 1996 Direktor des staatlichen Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Moderne und zeitgenössischen Kunst. mehr

ÜBER DIE GALERIE UND EDITION HUNDERTMARK: Die Edition and Gallery Hundertmark (bis 2002 Edition Hundertmark) ist ein deutscher Verlag für Künstlerbücher und Kunstobjekte. Die Edition wurde 1970 von Armin Hundertmark (* 1948 in Berlin) gegründet. Der Verlagssitz war anfangs in Berlin. Verlegt wurden Arbeiten von Fluxuskünstlern, den Wiener Aktionisten und der Konkreten Poesie. Zu den ersten editierten Künstlern gehörten Joseph Beuys, Günter Brus, Robert Filliou, Ludwig Gosewitz, Milan Knížák, Otto Muehl, Hermann Nitsch, Arnulf Rainer, Tomas Schmit, Ben Vautier oder Emmett Williams. Von diesen und anderen Künstlern erschienen Tonbandkassetten, CDs und Multiples. Von den meisten Künstlern wurden auch Ausstellungen in der angeschlossenen Galerie gezeigt. Markenzeichen waren dabei die Editionen in Kunstkisten, den Kartons, die heute bereits erheblichen Sammlerwert besitzen. 1976 gründete Hundertmark die Literatur- und Kunstzeitschrift „Ausgabe“. mehr

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